Die Kirche

Von Helga Haeberlin, erstmals veröffentlicht 1994 in der Festschrift zum 675-jährigen Jubiläum der Gemeinde, www.spiekershausen.de

Schauen wir uns das Wappen unseres Dorfes an: Die drei goldenen Blätter des Kleeblattes sollen die drei ersten Gebäude markieren, die den Durchziehenden zu Rast und Erholung für Mensch und Tier einladen. Es waren ein Ausspann, eine Schmiede und eine Herberge, so nimmt man an; (siehe dazu auch „Flurnamen Spiekershausen“).

Zu körperlicher Erquickung gehörte – besonders in früherer Zeit – auch geistliche und seelische Einkehr. Und so könnte ich mir vorstellen, dass zusammen mit den drei ersten Häusern eine kleine Kapelle entstand. Vielleicht war sie zunächst als Andachtsstätte aus Holz gebaut, und später errichtete man (möglicherweise in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts) aus Sandsteinen eine kleine massive Kapelle in gotischem Stil, in der Literatur als „Marienkapelle“ benannt; an der rechten Außenwand des jetzigen Altarraumes kann man noch ihren zugemauerten Spitzbogeneingang erkennen. Das Kirchenschiff mit seinen Umfassungsmauern aus Sandstein und dem Fachwerkaufsatz, der sich auch über den ursprünglichen Kapellenraum ausdehnt stammt aus der Zeit um 1520.

Bevor ich auf Einzelheiten unserer Kirche zu sprechen komme, möchte ich auf ihre Bedeutung im 17. Jahrhundert aufmerksam machen: Von 1604(?) – 1731 war den Lutheranern die Abhaltung ihres Gottesdienstes im reformierten Kassel untersagt. Sie pilgerten hierher zur Marienkapelle; (von einer Vermutung habe ich gelesen, dass dieser Umstand Grund für eine Erweiterung der Kirche gewesen sein könnte). Nach dem Tode Landgraf Karls 1730 trat sein Sohn Friedrich I. die Nachfolge an. Er war Anhänger der lutherischen Lehre und hob 1731 das Verbot auf (Konzessionsurkunde von Landgraf Friedrich I.; seit 1720 durch Heirat König von Schweden).

Und nun zu den verschiedenen baulichen Veränderungen und der Innenausstattung der Kirche:

Eine erste Baubeschreibung fand ich im „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler – Begründet vom Tag für Denkmalpflege 1900 „von Georg Dehio. Dort heißtes unter „Spiekershausen“:

„Ev. Kirche St. Marien. Hoher Massivbau mit eingezogenem Rechteckchor, Mansarddach und verschiefertem Dachreiter. Im Kern gotisch vielleicht 1319, 1520 und später verändert. Auf der Südseite Maßwerke, im vorbauten Innern Gewölbevorlagen. Steinerne Sakramentsnische mit Krabben (Steinblumen an Giebeln) und Gitter. – Schlichter Taufstein dat. 1593. Altaraufsatz von dem hier gebürtigen G. Eberlein von 1898.“

Bei einer Baubesichtigung im Jahr 1972 durch das Amt für Bau- und Kunstpflege der Landeskirche Hannover hat eine genaue Betrachtung ergeben,

„dass die ehemalige (geplante?) Zweigeschossigkeit (!) des Schiffes zugunsten eines hohen Raumes mit Empore aufgegeben wurde. Die durch einen waagerechten Kämpfer (Widerlager auf dem tragenden Gesims) unterteilten Fenster und das Fachwerkobergeschoss über dem Chor deuten darauf hin.“

Eine Beurteilung der Bausubstanz im Jahre 1976 durch den Herrn Provinzial-Konservator Siebern aus Hannover lautet:

„Die Kirche ist für den Kunsthistoriker höchst beachtenswert. Das Schiff stammt aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Nach den erhaltenen Wanddiensten zu urteilen, war eine Einwölbung geplant die dann aber nicht zur Ausführung gekommen zu sein scheint. Der Chor, in spätgotischer Zeit angebaut war mit einem Kreuzgewölbe überdeckt, dessen Ansätze noch sichtbar sind. Der obere Aufbau des Chores wurde erst im 18. Jahrhundert hinzugefügt und gleichzeitig das Dach des Schiffes umgestaltet sowie das Türmchen aufgesetzt.“

Mir scheint, hier hat der Verfasser verschiedentlich „Chor“ und „Schiff“ verwechset. Er schreibt weiter:

„So ist eine recht malerische Baugruppe entstanden, die durch die landschaftliche Umgebung noch einen ganz besonderen Reiz erhält. Die Kirche steht kaum 100 Schrittvom Ufer der Fulda entfernt inmitten schöner alter Fachwerkbauten. Deshalb sollte auf die bauliche Unterhaltung mehr Sorgfalt verwandt werden, wie sonst wohl bei Dorfkirchen üblich.
Das Dach der Kirche, vordem vermutlich mit roten Pfannen gedeckt, ist im Jahre 1896 mit hässlich wirkenden schwarzlasierten Falzziegeln belegt. Bei einer Neueindeckung kehre man zu dem alten Material zurück.
Das in Eichenfachwerk hergestellte Obergeschoss des Chores wie auch der Giebel des Schiffes sind in neuerer Zeit in ganzer Fläche verputzt worden (Bemerkung von mir: Auch damals hat man bei Renovierungen nicht immer alles richtig gemacht). Damit ist der wirksame Gegensatz zwischen Bruchsteinmauerwerk und dem Fachwerk mit dunklen Hölzern und weißen Zwischenfeldern aufgegeben worden und besonders der Eindruck des Choraufbaus dadurch zu massiv und schwer geworden.
Die 1899 ausgeführte Ausmalung des Innern ist als verfehlt zu bezeichnen (Erläuterung: Wand und Decke der Krypta’ waren bemalt: blau mit silbernen Sternen und Spruchbändern; 1882).
Auch hat man nicht gut getan, den barocken Altaraufbau durch einen frei auf dem Altartisch stehenden größeren Cruzifixus zu ersetzen. Der alte Altaraufbau steht jetzt im Chor auf dem Fußboden, angelehnt an die Wand. Eine Beschädigung ist nicht ausgeschlossen; einige Gesimsstücke am Sockel haben sich schon abgelöst. Man sollte sich entschließen, den Altaraufbau an seine ursprüngliche Stelle zurückzuversetzen. Für den Cruzifixus ließe sich wohl ein anderer geeigneterer Platz in der Kirche finden.“
Bis hierher die Berichte darüber, wie unsere Kirche früher einmal war oder gewesen sein könnte.

„Christus am Kreuz“ von Prof. Eberlein – der Kirche seiner Kindheit im September 1898 geschenkt – ist heute noch Mittelpunkt unserer kirchlichen Andacht. Die Christusfigur sowie das Eichenkreuz wurden Ende 1991 restauriert, nachdem beides zwischenzeitlich mehrfach mit weißer Binderfarbe überstrichen war. Die Restaurierung hat Restaurotor Jürgen Diederichs, Katlenburg-Berka, ausgeführt.

Erhard Joseph, Wibbecke, ebenfalls Restaurator und durch die Wiederherstellung zahlreicher zerschlagener Eberlein-Werke aus den Scherben, die unter den Dielen des Mündener Schlosses gefunden wurden, mit Eberlein vertraut untersuchte am 19.9.1989 das Kunstwerk: „Der Corpus ist aus gebranntem Ton. Der erste Anstrich war umbra bis olivgrün, im Gewandbereich bläulich, der Zweite und Dritte weiße Binderfarbe, im Gewandbereich Goldocker lasiert. Die Glieder zeigten zahlreiche Risse; am Fuß fehlte ein Mittelzeh, an der Hand ein Ringfinger.“

Ein trauriges Resultat! Schade, dass die Figur nicht so geworden ist wie Eberlein sie ursprünglich gestaltet hat. Ob der Strahlenkranz wirklich vorhanden war, wie es Restaurator Diederichs vermutet? Und warum hat der Lendenschurz jetzt die gleiche Farbe wie der Körper? All solche Dinge entscheiden aber nicht wir, die wir in die Kirche zum Gottesdienst gehen, sondern die Herren Restauratoren, die ja ihr Handwerk gelernt haben.

Unverständlich ist auch, dass die 1899 entstandene Hartgipsgruppe von Eberlein „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ 1968 aus der Kirche entfernt und auf eine Schutthalde geworfen wurde! Grabungen im September 1983 waren ohne Erfolg. Etwa zwei Zentner verwitterter Scherben, die zerstörten Reste der Köpfe des Christus und eines Kindes sowie die Signatur G. Eberlein waren alles, was von diesem Kunstwerk übrig geblieben war. Pfarrer war zu jener Zeit Pastor Itzen.

Zu denken gibt diesbezüglich eine Bemerkung des Amtes für Bau- und Kunstpflege Hannover vom 12.10.1964:

„… Hier muss nur darauf hingewiesen werden, dass die Christusstatue, die vor kürzerer Zeit aus der St. Blosiuskirche in Hannoversch Münden nach Spiekershausen überführt worden ist mit ihren Maßen den Kapellenraum sprengt und sich kein Platz in der Kapelle anbietet an dem sie sinnvoll aufgestellt werden könnte.“

Ein weiteres Schmuckstück im Altarraum ist das in der hinteren Wand links sich befindende Sakramentshäuschen, im Inventarverzeichnis von 1895 bezeichnet als „ein kleiner vergitterter Nischenschrank als Sakramentshäuschen dienend; Material: Stein und Eisen; Zustand befriedigend.“

Herr Vikar Volkmar Keil beschreibt dieses, zwischenzeitlich ebenfalls weiß übertünchte (!) Kleinod in einem Kurzführer durch die Kirche Spiekershausen von 1985:

„Das wohl schönste Kunstwerk der Kirche ist das Sakramentshaus. Es ist wie meist üblich, als kleines Haus mit Giebel gestaltet; über dem Giebel befinden sich Andeutungen von Blattwerk. Im Giebel selbst ist eine prachtvolle Rose dargestellt; an den Seiten der Blüte drei Blätter. Die ausgearbeitete und kunstvoll gestaltete Blüte gehört zu einem Typus, der die Vorlage zur Lutherrose abgegeben hat. Man muss sich dabei nur die beiden inneren Blütenblattreihen durch das Herz und das Kreuz ersetzt denken.“

Der Taufstein besteht aus einem achteckigen Sandsteinbecken auf einem Sandsteinsäulenfuß. Er trägt folgende Inschrift, „geprikket mit Buchstaben“ (= gestochen, geritzt):

1593 V. E +H. S. R .

DS HENRICH SEDDICH . C G +

Bis heute ist unbekannt, was diese Buchstaben bedeuten und wer Henrich Seddich ist. Er war kein Spiekershauser (lt. Rolf Grimm). Wurde der Taufstein aus einer anderen Kirche hierhergebracht?

In dem Sandsteinbecken befindet sich eine alte Taufschale aus Zinn, die schon im Inventarverzeichnis von 1895 aufgeführt ist.

Auch schon dort aufgeführt sind die beiden Messingleuchter, „am Fuß geprikket“ wie folgt:

A -D -1680 –                   A -D – 1680
HANS CHRIST                 JÜRGEN
MAN HANS                   KRISTMAN
CHRISTMAN DER       ALBERTUS PIEL
JÜNGER HABEN         MAN HABEN DIES
DIES VEREHRET           VEREHRET

Zu den genannten Personen sagen drei Listen etwas aus (lt. Rolf Grimm):

1. Mannschaftsliste 1681:
– Jürgen Christman, Krüger (1882 Greve)
– Hans Christmann sen., Müller
– Hans Christman jun.
– Albert Pieleman (Familie seit 1418 im Dorf)

2. Steuerliste 1685:
– Hans Christman, Erbmüller
– Hans Christman Witwe
– Jürgen Christman, Greve und Krüger
– Albert Pielemann, 2. Ortsvorsteher

3. Kopfsteuerbeschreibung der Fürstentümer Calenberg-Göttingen und Grubenhagen von 1689:
– Krüger Jürgen Christman (18 Mg.; 1 Th. und vom Krug 1 Th. 18 Gr.) Anmerkung: Er war 1678 + 1689 Krüger und 1682 und 1629 Greve
– Müller Hans Christman, Mahl- und Schlaggang (3 Th.)
– Hans Christman Witwe (6 Mg.; 18 G.) Hans Christman ist 1684 gestorben.
– Albert Pieleman (12 Mg.; 1 Th.). 1685 2. Ortsvorsteher
Hans Christman und Hans Christman jun. waren die Besitzer der Mühle, Jürgen Christman und Albert Pieleman die reichsten Bauern des Dorfes. Leider sind die Leuchter in einem sehr zerbrechlichen Zustand, so dass ein Blankputzen nicht mehr gewagt werden kann.

Die Renaissance-Kanzel aus dem Jahre 1630 war vor dem letzten Umbau der Kirche mehrfach mit weißer Farbe überstrichen und doppelt so hoch angebracht wie gegenwärtig. Im März 1975 wurde empfohlen, die dicken Lackfarben zu entfernen, damit die Profile und Schnitzereien besser zur Geltung kommen. DieAufschrift in vergoldeten erhabenen Lettern lautet.

ICH HANS FETMILCH HABE DISEN STUL ZU GODES EHREN GEGEBEN  1630
Hans Fetmilch war 1632 Bürgermeister in Spiekershausen.

Die Velegung der Kanzel auf die Höhe des Altarpodestes und die neue Farbgebung sind eine gelungene und erfreuliche Veränderung.

An den Wänden des Kirchenschiffs fallen 6 Ölgemälde auf. Sie stammen von einer inzwischen verstorbenen Spiekershäuserin, Frau von Wolff: „Die Bilder sollen Freude und stille Einkehr für jeden bewirken. Sie sind in einer Zeit entstanden, in der ich selbst viel durchzumachen hatte …“ und stellen dar: „Beweinung“, „Madonna“, „Das Kreuz am Berge“, „Gethsemane“,“Der sinkende Petrus“ und „Die Bekehrung des Saulus“.

Am Beginn desTreppenaufgangs zum Obergeschoss hängt ein Bild in einem mattgoldenen Gipsrahmen, das den Gekreuzigten darstellt und 1822 gestochen wurde, und zwar von Enzing-Müller nach einem Gemalde von Albrecht Dürer. Es trägt die Unterschrift: „Es ist vollbracht“ (Inventarverzeichnis von 1895).

In diesem Zusammenhang möchte ich ein weiteres Bildwerk erwähnen.- Eine große Gedenktafel zur Erinnerung an die Gefallenen des 1. Weltkrieges mit bildnerischer Darstellung einer Gruppe am Kreuz ist auf einem Foto, um 1930 entstanden, noch deutlich an der Wand hinter dem Altar hängend zu erkennen. Der Verbleib dieser Tafel ist unbekannt. Ob sie durch Kriegseinwirkung verloren ging?

Auch der Gefallenen des 2. Weltkrieges sollte in der Kirche sichtbar gedacht werden. Am 10. Mai 1955 schrieb die Gemeindeverwaltung an Pastor Itzen:

„Sehr geehrter Herr Pastor!
Der Einwohner August Thiele lässt der Gemeinde ein an Sie gerichtetes Schreiben in Abschrift zugehen, das ich nachfolgend wiedergebe:
Im Einvernehmen mit den Hinterbliebenen der im 2. Weltkrieg Gefallenen der Gemeinde Spiekershausen stelle ich hiermit den Antrag, die Namen der Gefallenen auf einer Tafel in der Kirche aufzuführen. Mag auch die Anbringung einer Tafel durch die unruhigen Zeitverhältnisse noch dem Kriege verzögert worden sein, so ist heute jedoch kein Grund mehr vorhanden, diese ethische Pflicht zu erfüllen. Sie haben ihren Tod nicht leichtsinnig und frivol gesucht und erlitten, sondern sie mussten willenlos gehorsam ihr junges Leben einer fanatischen Obrigkeit opfern. Die Kirche ihrer Heimat ist für die Gefallenen der richtige Ort, ihr Andenken in der Heimat in dauernder Erinnerung zu halten.
Ich darf Sie, Herr Pastor, bitten, den Antrag des Herrn Thiele dem Kirchenvorstand zur Besprechung und Entscheidung vor-zulegen. Meines Erachtens stellt der Antrag Thiele eine Forderung dar, die gerade von der Kirchengemeinde weder zurückgewiesen noch zurückgestellt werden darf.“
Dem Antrag ist offenbar nicht entsprochen worden. Obwohl der Opfer beider Weltkriege auf der Tafel des im November 1936 eingeweihten Ehrenmals gedacht und alljährlich ein Fackelzug mit Gedenkfeier veranstaltet wird, bleibt bedauerlich, dass uns nicht auch in der Kirche ihre Namen begegnen.


Früher schritt man durch einen Mittelgang direkt auf den Altar zu und über eine schmale Treppe hinauf zur Empore auf beiden Seiten des Schiffes und zur Orgel. Diese wurde im Laufe der Zeit im technischen Teil völlig „abgängig“. In einem Zustandsbericht des Orgelbauers Emil Hammer, Hannover, vom 1. 2.1927 heißt es:

„Die Orgel in Spiekershausen hat ein Manual und Schleifladen mit 8 Registern. Die Prospektpfeifen des Registers … sind im Kriege enteignet. Ein Wiedereinbau ist nicht erfolgt. Die Beschaffenheit der Orgel ist als schlecht zu bezeichnen. Eine erfolgreiche Reparatur ist nicht mehr auszuführen. Mit Kunst und Fleiß dürftevielleichtein gewisses Hinhalten der Orgel erzielt werden, wenn die allernotwendigsten Reparaturen ausgeführt würden.“

Das „Hinhalten“ zog sich über Jahrzehnte hin, und alle Versuche, die denkmalgeschützte Orgel zu erhalten, scheiterten. Sie wurde vor Beginn des ersten Bauabschnitts Anfang der 70er-Jahre ausgebaut. Ob der aus der Barockzeit um 1750 stammende Orgelprospekt in einer anderen Kirche Verwendung fand, wäre zu erforschen. Das von Stephan Heeren aus Gottsbüren gebaute alte Orgelwerk ist sicherlich verschrottet… Heute werden die Kirchenlieder begleitet von einem Orgelpositiv der Firma Bosch, Sandershausen. Die Anschaffung dieses Instruments wurde ermöglicht u. a. durch ein Adventskonzert in der St. Petrikirche in Landwehrhagen.

Auch die Glocken im Turm haben ihre Geschichte. So berichtet Pfarrer Dr. Oberdiek, Landwehrhagen, auf einem „Meldebogen für Bronzeglocken der Kirchen“ im 2. Weltkrieg:

  1. Zahl, Metall und Gewicht? 1 Bronzeglocke; ca. 103 kg; Durchmesser 55 cm
  2. Jahr des Gusses? 1806 – 13
  3. Welche Glocken waren im Weltkrieg 1914/18 von der Beschlagnahme befreit, aus welchem Grund? Obige einzige Glocke ist wegen ihrer Kleinheit und ihres historischen Wertes für die Gemeinde nicht beschlagnahmt worden.
  4. Welche besonders denkmalwichtigen, geschichtlichen und für die Gemeinde sonst bedeutsamen Vorgänge waren mit der Glocke verknüpft? Die Glocke ist durch besondere Tradifion mit der Vergangenheit verbunden, vor allern mit dem König Jérôme, der persönlich für die Glocke eine Spende von 70 Talern gegeben hat.

Es ist unbekannt wo diese Glocke geblieben ist und wer sie gegossen hat. Im Oktober1953 heißtes in einem Bericht des Amtlichen Glockenrevisors Hardege, Göttingen:

„Die Kirche besitzt eine von der Firma Weule in Bockenem gegossene gusseiserne Klanggussglocke aus dem Jahre 1949. Sie ist 500 kg schwer und hat einen Durchmesser von 1,09 m…. Bedauerlich ist daß die Kirche nur diese eine Glocke besitzt. Da diese im Verhältnis zum Turm recht groß ist wäre es richtiger gewesen, man hatte für den gleichen Preis zwei kleinere Glocken gekauft…“

Im Februar 1965 schreibt derselbe Glockenrevisor:

„… Der Klang der Glocke ist innen harmonisch unsauber, vor allem jedoch aufdringlich hart und überaus erschreckend resonanzarm. … Der Rostbefall ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass es jederzeit zu einem Herausspringen eines Eisenstocks oder gar zum Durchbrechen der Haube und somit zum Absturz der Glocke beim Läuten kommen kann. … Die Glocke ist also eine ständige Gefahrenquelle. Sie bedeutet des weiteren in ihren Ausmaßen eine unzulässige Überforderung des hölzernen Glockenstuhles und vor allem des hochreiterartigen Turmes. … Seinerzeit hatte die Firma Weule die Glocke irgenwo in ihrem Lager herumstehen, weil sie an anderer Stelle nicht verwendet werden konnte. Um noch etwas herauszuschlagen, wurde sie in den Turm von Spiekershausen hineingezwängt. Die Glocke … gehört auf den Schroithaufen. Je eher sie dorthin kommt desto besser ist es! Für die finanziell nicht begüterte Gemeinde ist es die beste Lösung, eine günstige Gelegenheit abzuwarten, um eine passende Gebrauchtglocke zu verbilligtem Preis zu erwerben. …“

Diese empfohlene Lösung wird sehr bald Wirklichkeit. Im Bericht des Glockenrevisors vom 10.10.1968, gleichzeitig Visitationsbericht, heißt es:

„… So war es ein glücklicher Umstand, dass die Möglichkeit bestand, zu einer geringen Gebühr eine Bronzeglocke zu erwerben, die ursprünglich einer Gemeinde in Hannover nach Kriegsende als Patenglocke zur Verfügung gestellt worden war, dann dort jedoch keine Verwendung fand.“

Die von Gebr. Ulrich in Kempten 1928 gegossene Bronzeglocke gehörte der katholischen Gemeinde Lugetal bei Flatow in der ehemaligen pommerschen Grenzmark. Sie hat einen Durchmesser von 67,5 cm und ein Gewicht von etwa 180 kg. Sie trägt folgende Aufschrift:

IN GLORIAM SUI CORDIS JESU
PIO XI PP
MAXIMILIAN KALLER ADMINISTRATORE
APOSTE
PROF. KLICHE CURATO
CURATIA LUG. THOMAS SUCHY, BERNARDUS
FRANKE. SOFIA ET JOSEPHUS BONK, FELIX
ET MARTHA MISIAK, JOSPEHUS KRAUSE
BRUNO KLICHE, ALIIQUE ME FUNDAVERUNT
ANNO 1928
(siehe auch „Die Kirchen des Obergerichts“ von Gustav Süßmann, 1984, S. 129 ff).

Die neue Glocke wird im Turm neben der alten gusseisernen aufgehängt und am 7.10.1968 in Betrieb genommen.

Nochmal Hardege:

„… Der erwähnte stille Klangcharakter bedeutet wohl den größten Gewinn gegenüber dem froheren Zustand; darüber hinaus ist eine Glocke auf den Turm gekommen, die den räumlichen Verhältnissen von Glockenstuhl und Turm in jeder Hinsicht angepasst ist. Sie entspricht den Ausmaßen der Glocke, die bis zum Kriege auf dem Turm gehangen hat.“

Am 9.3.1979 wird die Firma Kisselbach, Baunatal, beauftragt die neue Kirchturmuhr, die durch Spenden und insbesondere durch das Engagement von Jugendgruppen unter Leitung von Frau Doris Scharf miffinanziert wurde, einzubauen; es handelt sich um eine komplette Turmuhranlage mit einem Zifferblatt und Halb- und Vollschlag.

Die alte Eisenglocke wird nicht zerlegt und ausgebaut, sondern vorschriftsmäßig im Turmgebälk aufgehängt. Der Uhrschlag wird an dieser Glocke angeschlagen.

Wo mag das „alte schmiedeeiserne Uhrwerk“ geblieben sein? Es soll von Uhren-Hause in Homberg stammen.

Mit Urkunde vom 30.7.1973 wird ab 1.1.1974 die ev.-luth. Kapellengemeinde Spiekershausen aufgehoben. Die St Petrikirchengemeinde Landwehrhagen ist Rechtsnachfolgerin. Die Kapellenvorsteher werden Kirchenvorsteher der St. Petrikirchengemeinde Landwehrhagen.

Ein wesentlicher baulicher Eingriff in den 70er-Jahren hat den Innenraum unserer Kirche total verändert: Schon im September 1972 werden vom Kirchenvorstand (damals eigentlich noch Kapellenvorstand) unter Leitung von Herrn Pastor Schäfer, der am 4. Juli 1971 feierlich in sein Amt eingeführt worden war, Überlegungen über eine Umgestaltung des Kapellenraumes angestellt, da wegen Auflösung der hiesigen Schule der Konfirmandenunterricht und andere Gemeindeveranstaltungen in der Kapelle stattfinden müssen.

Im November 1972 wird nach Besichtigung der Kirche vom Amt für Bau- und Kunstpflege festgestellt, dass durch den Einzug einer neuen Holzbalkendecke das Schiff ohne Schwierigkeiten in einen Gemeinderaum oben und den Kapellenraum unten aufgeteilt werden kann. Der Umbau wird in Bauabschnitte gegliedert.

Ein Austausch der Fenster war ursprünglich geplant, und zwar sollten die Spitzbogenfenster in die Erdgeschossebene verlegt werden; der Plan kam aber aus Kostengründen nicht zur Ausführung.

Endlich, am 12. Mai 1979 kann die Kirche in Spiekershausen oben und unten „in Gebrauch genommen werden“. Mit einem Gottesdienst, in dem der Herr Superintendent Barth die Predigt hält, wurde dieses Ereignis würdig begangen.

„Beteiligt an der Finanzierung waren auch die Gemeindemitglieder durch wiederholte Spendenaktionen, und besonders die Kugend des Ortes hat sich in beispielhafter Weise zu aller Freude engagiert durch verschiedene Veranstaltungen.“

Im Haushaltsjahr 1989 werden Mittel für die Erneuerung des Kirchendaches bewilligt ebenso für eine lnnenausmalung. Die Arbeiten kommen 1990 zur Ausführung.